Marie S. fragte sich, warum ihr Großvater Selbstmord begangen hatte. In der Familie wurde darüber nie gesprochen. Die Quelle sagte Folgendes:
»Der Großvater hat ein Kriegsverbrechen begangen, ein Verbrechen, das seine Seele so bedrückte, dass sie sich entschlossen hat, aus Scham aus dem Leben zu treten. Denn sie konnte es vor sich und mit ihrem Gewissen nicht mehr vereinbaren, mit dieser Schuld, die sie meinte, auf sich geladen zu haben, weiterzuleben.
Aus seelischer Sicht wäre es kein Grund gewesen, aus dem Leben zu scheiden. Jedoch hatte diese Seele sehr hohe moralische Ansprüche an sich und an die Art und Weise ihres Handelns, sodass sie für sich beschlossen hat, aus dem Leben zu gehen, um nicht mehr von Gewissensbissen geplagt werden zu müssen. Gleichzeitig war es auch so, dass sich diese Gewissensbisse in einer Art Krankheit, die ihr heute am ehesten als Depression bezeichnen würdet, niedergeschlagen haben. Und so hatte diese Seele irgendwann nicht mehr Energie und den Mut, sich den Aufgaben des Lebens zu stellen.
Der Großvater hatte sich im Krieg auch eine Verletzung zugezogen. Es gibt hier also zwei Aspekte. Zum einen fühlte sich der Großvater schuldig für die Tat, die im Krieg begangen wurde. Zum anderen fühlte er sich schuldig, dass er nicht fähig gewesen war, sich den Kriegsereignissen so zu entziehen, um unversehrt wieder herauszukommen. Er hat also einen doppelten Schuldkomplex entwickelt, der ihm seine Lebensenergie zuletzt so sehr raubte, dass er keinen Ausweg mehr sah.
Dieser Freitod kam jedoch sehr überraschend für die Angehörigen. Und so war es auch für den Sohn und den heutigen Vater der Fragestellerin ein Erlebnis, das zu einer tiefen psychisch-seelischen Verletzung geführt hat, von der er sich nicht mehr erholte. Zu dieser Zeit gab es noch nicht die Möglichkeit, Traumata aufzuarbeiten. So hat die Seele des Vaters, der Finanzbeamter war, beschlossen, über all diese Vorfälle, die er in seiner Herkunftsfamilie erfahren und erlitten hat, zu schweigen. Durch dieses Totschweigen kommt es zu einem »energetischen Stau« , der sich dann über andere Kanäle zeigt und nach Lösungen sucht.
Hier kommt sehr viel zusammen: die Frage der Schuld und auch eine gewisse Form von Scham, sich den Familienmitgliedern in dieser Verletztheit zu zeigen. Denn die männliche Identität dieser Seele hatte ein anderes Bild von sich und wollte gerne als strahlender Held in die Geschichte der Menschheit und in die Geschichte der Familie eingehen. Was nun geschehen ist mit dem Freitod, ist eine Art des Heldentums, die wir als „gebrochener Held“ bezeichnen möchten. Aus seelischer Sicht macht dies keinen Unterschied. Das mag für euch etwas schwer verständlich sein, jedoch spielt es aus seelischer Sicht keine Rolle, welchen Weg diese Seele gewählt hat. Denn auch der Freitod ist ein Weg, den Seelen wählen können.
Es liegt also an euch, nun Geschehnisse dieser Art rückblickend neu zu bearbeiten und zu bewerten, denn Schuld und Scham sind Gefühle, die aus unserer Sicht bearbeitet und aufgelöst werden können.
Auf dem Vater von Marie S. lastete durch diesen Freitod eine schwere Bürde. Er hat ihn als einen Verrat an der Familie aufgenommen. Er versuchte nun seinerseits, das Gefüge seiner Familie - die Beziehung zu seiner Frau und zu den beiden Kindern - auf jede erdenkliche Art aufrechtzuerhalten. Dies hat er auf eine sehr schweigsame Art getan, die sowohl bei der Ehefrau als auch bei den Kindern nicht immer auf großes Verständnis gestoßen ist und auch nicht verstanden werden konnte. Er hat all seine Gefühle in sich begraben und hoffte dadurch, die Familienbande zu festigen und ein sicheres Gefüge zu schaffen, in dem die Familie sich entwickeln konnte.
Was er dabei nicht bedachte, ist, dass es für eine stabile Familie nicht nur eines sicheren äußeren Rahmens bedarf, ein Haus und eine finanzielle Sicherheit, um dort zu wohnen und zu leben, sondern dass es auch wichtig ist, dass sich Familienmitglieder in einer Art emotionalem Austausch befinden. Dieser Austausch fand so gut wie nie statt, und so schlug auch den Frauen in seiner Familie eine Art von Gefühlskälte entgegen, mit der sie nur schwer umgehen konnten.«
»Hängen die aktuellen Probleme von Marie damit zusammen?«
»Die jetzigen Probleme haben Marie S. in eine Gefühlsstarre geführt, die ihr heute als Depression bezeichnet. Sie ist nichts anderes als das Wiederholen eines Musters, das vom Großvater sehr stark vorgelebt wurde, vom Vater übernommen und so auch unbewusst an die Tochter weitergegeben wurde. Kommt es nun im Leben zu Problemen, die von äußeren Einflüssen verursacht sind, wie es die berufliche Situation von Marie S. derzeit ist, so ist es für die Seele zunächst einmal eine ganz normale Reaktion, Reaktionsmuster, die sich in ihrer Familie bewusst oder unbewusst übertragen haben, zu übernehmen.
Aus diesem Grund hat sie sich in diese Depression geflüchtet, die jedoch dazu geführt hat, dass sie sich mit ihren Themen auseinandersetzen und so nach und nach das Wollknäuel der Verwirrung entwirren konnte. Die Seele ist hier schon sehr weit fortgeschritten. Und wir möchten ihr danken, dass sie den Mut gefasst hat, uns zu den Geschehnissen in ihrer Familie zu fragen.
Was Marie nun tun könnte, wäre aus unserer Sicht Folgendes: Sie könnte versuchen, zunächst einmal zum verstorbenen Vater Kontakt aufzunehmen - dergestalt, dass sie ihn bittet, das übertragene Gefühlsmuster zu lösen. Auch hier möchten wir wieder gerne eine Affirmation mit auf den Weg geben, die lauten könnte:
»Ich danke meinem Vater für die Art und Weise, wie er versucht hat, die Geschehnisse durch meinen Großvater und deren Auswirkungen auf die Familie zu bewältigen. Ich bitte meinen Vater aber nun, dieses Gefühlsmuster aufzulösen und es aus meiner Psyche zu entfernen. Ich danke meinem Vater aufrichtig für sein Wollen und Vermögen und bitte ihn nun, mich aus seiner Verpflichtung zu entlassen.«
Diese Affirmation wirkt am besten, wenn sich Marie an einen Ort begibt, wo sie Kontakt zu ihrem Vater aufnehmen kann. Es kann vielleicht das Grab sein oder ein anderer Ort, an den es sie hinzieht. Und dann möge sie diese Bitte laut vor sich hinsprechen. Dies wäre ein erster Schritt, um aus den Verwicklungen mit der Familie herauszukommen. Und wir möchten die Seele ermutigen, diesen Schritt zunächst einmal zu gehen.
Was wir ihr in diesem Moment noch mit auf den Weg geben können und wollen, ist, dass sie sich nicht so viele Gedanken zu machen braucht über vermeintlich Bewältigtes und Unbewältigtes, denn die Seele wird ihren Weg aus dieser Situation finden. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis Marie wieder sich selbst findet und ihre Fröhlichkeit und inspirierende Energie zurückerlangt.
Das ist es, was wir an diesem Tag mit aller Freude und Liebe Marie mit auf den Weg geben möchten. Wir danken ihr für ihren Mut und ihre Tapferkeit, sich einer so vielseitigen Problematik zu stellen.«